Abmahnung à la Bistum Regensburg (Update 14 Uhr)
Das Bistum Regensburg hat schon eine sehr eigene Auffassung von Recht, von seiner Auffassung von Ethik mal ganz zu schweigen.
Es ließ dieser Tage den Brights Marburg durch das Rechtsanwaltsbüro Romatka & Collegen, München, eine kostenpflichtige Abmahnung zukommen (mit nur einem Tag Frist für die Abgabe einer Unterlassungserklärung), weil, so behauptet es, folgende Aussage in diesem Artikel der Brights Marburg nicht den Tatsachen entspräche:
Das Oberlandesgericht Nürnberg hatte nach der Verurteilung eines pädophilen Pfarrers wegen Ministranten-Missbrauchs deutlich vor der Wiedereinsetzung des Priesters in der Jugendarbeit gewarnt. Das Bistum Regensburg ignorierte das Statement des Gerichts und der heimlich sexhungrige Pfarrer von Riekhofen wurde 2007 prompt rückfällig.
Die Brights Marburg verlinken diesbezüglich als Quelle einen Artikel des Handelsblatts, indem es heißt:
Das Oberlandesgericht Nürnberg hatte nach der Verurteilung eines Priesters wegen Kindesmissbrauchs eindeutig vor der Wiedereinsetzung des Geistlichen in der Jugendarbeit gewarnt. Das Bistum Regensburg ignorierte die Empfehlung des Gerichts und der Priester wurde prompt rückfällig.
Trotzdem hat das Handelsblatt (Stand: 21.01.2010) keine Abmahnung erhalten.
Hat das Regensburger Wochenblatt eine Abmahnung erhalten? Es schreibt nämlich sehr deutlich:
Halte dich ferne von einer Sache, bei der Lüge im Spiel ist”, heißt es im zweiten Buch Mose (23,7). Offenbar nimmt es der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller mit der Wahrheit nicht so genau: Er hat, um die Einsetzung eines verurteilten Sexualstraftäters als Priester in Riekofen bei Regensburg zu rechtfertigen, nach Wochenblatt-Recherchen die Unwahrheit gesagt.
Weiter heißt es dort:
Wie dem Wochenblatt jetzt bekannt wurde, handelt es sich bei dem vom Bistum immer wieder zur Rechtfertigung des Einsatzes von Pfarrer Peter K. in Riekofen zitierten „Fachgutachten” gar nicht um ein solches. Justizsprecher Dr. Andreas Quentin vom Oberlandesgericht Nürnberg legt auf diese Feststellung wert: „Wir sprechen nur dann von Gutachten, wenn ein vom Gericht bestellter Gutachter eingesetzt wird”. Das Bistum aber bezieht sich allenfalls auf eine Stellungnahme des Therapeuten von Pfarrer K.. Unwahr ist auch, anders als das Bistum stets behauptete, dass der Therapeut von Gerichts wegen bestellt wurde. Vielmehr hat ihn der Personalreferent des Bistums damals für Pfarrer K. ausgesucht
Laut Regensburger Wochenblatt gab es jedoch auch von Seiten der Justiz einen Gutachter: Dr. Bernd Ottermann vom Bezirksklinikum Straubing, Fachmann auf dem Gebiet der Forensik. Dieser will sich zu dem Gutachten nicht weiter äußern, sagt nur soviel:
“Ich habe damals klar und deutlich gemacht, dass ein Einsatz in der Jugendseelsorge für Herrn K. auf keinen Fall mehr in Frage kommen darf”
Der vom Personalreferenten des Bistums Regensburg ausgesuchte Therapeut soll hingegen in einer Stellungnahme geäußert haben, bei Pfarrer Peter K. liege “keine pädophile Fixierung” vor. Das meint eventuell Bischof Müller, wenn er (laut Handelsblatt) “jede Mitverantwortung für einen mutmaßlichen Kindesmissbrauch durch den vorbestraften Pfarrer seines Bistums” bestreitet und Pfarrer Peter K. “geheilt” nennt:
Zu Beginn der Herbstvollversammlung in Fulda hatte er am Montag sein Verhalten gerechtfertigt. Ein Gutachten habe den 39-jährigen Geistlichen aus Riekhofen als geheilt eingestuft.
Heilung? Bei Pädophilie?
Dazu aus einem Interview mit dem Psychoanalytiker Micha Hilgers (Quelle):
“Die Katholische Kirche zieht Pädophile an”
Der Psychoanalytiker Micha Hilgers hat es als “völlig verantwortungslos” bezeichnet, einem straffällig gewordenen pädophilen Priester wie in Riekofen noch einmal eine Kirchengemeinde zu übertragen. “Es ist geradezu bizarr, ihn wieder in die deliktnahe Situation hineinzubringen”, sagte Hilgers, der seit vielen Jahren pädophile Straftäter betreut, der Deutschen Presse-Agentur. Abwegig sei es auch, wenn der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller davon spreche, der Priester sei nach einer Therapie als “geheilt” betrachtet worden: Pädophilie sei nicht “heilbar”, sondern bestehe lebenslang, betonte Hilgers. […]
Therapie ist möglich, Heilung ist nicht möglich”, erläuterte er. “Typisch für eine gescheiterte Behandlungssituation ist, dass sich der Therapeut und der Betroffene der Illusion hingeben, die Neigung sei überwunden. Es geht vielmehr darum, dass der Betroffene lernen muss, seine Neigung zu kontrollieren, sie nicht auszuleben.”, sagte Hilgers.
Entscheidend dabei sei, dass der Pädophile von vornherein Situationen vermeide, die ihn in Versuchung führen könnten, zum Beispiel Kinderspielplätze, Schulen oder Jugendgruppen. Ein Priester, der einmal auffällig geworden sei, könne deshalb nie mehr in einer Gemeinde arbeiten, weil er dort zwangsläufig wieder mit Kindern zu tun habe. […]
Die Wiedereinsetzung von K. in der Pfarrseelsorge 2004 steht im klaren Widerspruch zu den Leitlinien der Bischofskonferenz von 2002. Darin heißt es deutlich:
VI. Kirchliche Strafmaßnahmen
12. Nach Verbüßung seiner Strafe werden dem Täter keine Aufgaben mehr übertragen, die ihn in Verbindung mit Kindern und Jugendlichen bringen.
Geistliche, die sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht haben, werden nach Verbüßung ihrer Strafe nicht mehr in Bereichen eingesetzt, die sie mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung bringen.
Das zumindest hätte Bischof Müller wissen müssen und ich bin sehr sicher, das wusste er auch. Doch Selbstkritik, Fehler eingestehen ist wahrlich nicht die Stärke eines Bischof Müller.
Wie schreibt die Süddeutsche am Ende ihres Artikels “Das Geheimnis des Beichtvaters”:
Keine Entschuldigung
[…] In Riekofen glauben nicht mehr viele, dass Gerhard Ludwig Müller einen Fehler eingestehen wird. Ein Kirchenfürst wie er bittet nicht um Absolution beim Volk.
So ist es. Da mahnt man lieber Blogs – Menschen – ab, die wagen, auf solche unglaublichen Fehler hinzuweisen. Wobei man da – anscheinend – auch noch einen großen Bogen um die Presse macht, die hat schließlich nicht nur meist gut bestückte Rechtsabteilungen, sondern weiß sich auch ansonsten zu wehren. Dann würde solch mieses Verhalten wie das des Herrn Müller & Co gar noch eine breite Öffentlichkeit finden…
Ein Einschüchterungsversuch? Aus meiner Sicht ja. Aber da hat Herr Müller die Rechnung ohne den Wirt die Blogger gemacht.
Ach und überhaupt, Kindesmissbrauch! Da kennen das Bistum Regensburg und Bischof Gerhard Ludwig Müller viel Schlimmeres:
Warum das Bistum Regensburg mit K. geradezu feinfühlig umgegangen ist, kann man angesichts der Personalführung von Bischof Gerhard Ludwig schwer nachvollziehen. So strafte er einst den Ruhestands-Pfarrer Siegfried Felber mit einer Rentenkürzung von 600 Euro, weil er eine Predigt auf einer ökomenischen Hochzeit gehalten hatte. Einen Kinderschänder rehabilitierte er dagegen.
(Quelle)
Ein Skandal und eine Verhöhnung der missbrauchten Kinder sondergleichen. Ich kann wieder mal gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen will …
Siehe auch:
- Artikel im Brights-Blog: Ergänzungen
- Sexueller Missbrauch - Pädophiler Pfarrer von Riekofen packt aus
Ich bin gespannt, wie die Geschichte ausgeht.
Wieder ein “schönes” Beispiel für meine kleine Reihe “Christliche Werte”.
–
Nachtrag: In einem Gespräch ergab sich gerade, dass man mein “Heilung? Bei Pädophilie?” missverstehen könnte. Damit das nicht passiert, hatte ich den Ausschnitt aus dem Interview mit Micha Hilgers folgen lassen.
Trotzdem noch mal zur Klarstellung: Ich denke ganz und gar nicht, dass jemand wirklich etwas für seine Pädophilie kann. Ebenso wenig, wie ich oder jemand anders etwas für seine Neigungen, welcher Art auch immer, kann. Niemand ist deshalb “böse”, gehört “weg gesperrt” etc. Problematisch wird es, wenn Neigungen zum Missbrauch anderer Menschen führen. Zu Verletzungen, welcher Art auch immer, auch sich selbst. Dagegen muss man etwas tun und das etwas heißt Therapie. “Strafe” erachte ich für sinnlos, sie bringt ebenso wenig wie Rache.
Würden wir einen Menschen mit Suchtproblematik, mit großen Alkoholproblemen ausgerechnet als Barkeeper einsetzen? Selbst, wenn er inzwischen “trocken” ist? Wohl kaum. Jemand mit Legasthenie als Lektor? Da gäbe es sicher geeignetere Arbeitsplätze. Die Vergleiche mögen für einige hinken, aber sie zeigen hoffentlich das Muster dahinter, das ich meine.
Wir tragen eben nicht nur für uns selbst Verantwortung, sondern auch für einander. Die Probleme, Neigungen etc. eines anderen zu missachten, ist verantwortungslos. Und deshalb trägt ein Bischof Müller (wie jeder andere, der Pfarrer K. wieder in die für ihn und andere gefährliche Situation brachte) am Geschehenen Mitverantwortung. Dies von sich zu weisen, halte ich für mies. Ob es christlich ist, darüber mögen Christen urteilen. Und bitte auch die Konsequenzen ziehen.




















am 25.01.2010 um 04:43
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am 17.02.2010 um 12:11
Das kirchliche Establischment ist doch manchmal einfach nur wiederlich. Nachdem man die Vorfälle nicht mehr verschweigen kann, versucht man es jetzt mit Schuldzuweisungen. Nun sind es die “Sexuelle Revolution” (sprich: Aufklärung!) und eine irgendwie geartete allgemeine Glaubenskrise.
Wenn man sich anschaut, wie weit die bekannt gewordenen Fälle, z.B. in Irland, zurück reichen, muss men den Eindruck gewinnen, dass diese Glaubenskrise schon sehr lange andauern muss.
Weil wir also nicht mehr bedingunglos alles Glauben, was die Kirche erzählt und ein selbständigeres Verhältnis zu unserer Sexualität entwickelt haben sind wir nun selber Schuld, wenn die Pfaffen unsere Kinder ficken. Wie kaputt kann man eigentlich sein.