Kopfüberbaum

Kopfüberbaum - BaobabEs lag hier schon einige Zeit, dieses Buch, und ich hatte mir vorgenommen, es während meiner Urlaubstage zu lesen. Andererseits dachte ich mir dann: „Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, willst du das wirklich im Urlaub? Es gibt ja wohl schönere Themen für diesen Zweck.“

Aber da war auch immer wieder diese Stimme in meinem Kopf: „Lies es! Es wird dir gefallen!“ Wie sollte einem so ein Thema „gefallen“ können? Zudem nicht als Sach-/Fachbuch, das leicht den Abstand wahren lässt, nicht beruflich, sondern als persönliche Geschichte, die sicher Resonanz in mir hervorruft. Was diese Stimmen in meinem Kopf eben manchmal so für seltsames Zeugs reden 😉

Wie allermeist bei mir siegte die Neugier über alle Bedenken. Die Lesebrille geputzt, den großen Thermokaffeepott randvoll mit dieser tiefschwarzen Köstlichkeit, machte ich es mir auf der Couch bequem: Bereit für ein neues Leseabenteuer 😉

Es wurde tatsächlich eins, schon nach wenigen Zeilen tauchte ich gebannt und gespannt in diese Geschichte ein, vergaß alles um mich und wollte nicht mehr aufhören zu lesen. Ich ging mit Thordis und Tom auf die Reise und ihre Reise wurde auch meine Reise. Dass dies so geschah, liegt sicher zu einem guten Teil in mir, meinen Erfahrungen und Erlebnissen, und wird bei anderen ganz anders sein, aber es liegt auch an der Art, wie diese Geschichte erzählt wird, den gewählten Worten, den sehr bildhaften Beschreibungen – alles in Allem: Mitreißend. Berührend. Mitfühlend.

Die Worte, die Gedanken, all dies weckte bei mir ein Gefühl von Vertrautheit und Verbundenheit. Fast ständig rief da etwas in mir „Ja!“, „Genau!“ und „Sag ich doch!“. Und dies betrifft beide Autoren, ich fand – finde – meine Gedanken, meine Gefühle bei beiden wieder, konnte mit beiden mitfühlen, mich in beide hinein versetzen.

An dieser Stelle nun noch ein paar Zitate, wobei es mir schwer fällt, nur ein paar zu zitieren, da da so vieles ist, was ich dessen würdig finde.

Das, was wohl über allem steht, alles umfasst (und Gewalt meint hier für mich auch die Rache, der sehr verständliche Wunsch nach Rache nach einer Verletzung durch jemanden, des Weiteren betrifft es auch das sich selbst Verurteilen):

Gewalt ist nie eine Lösung – Verurteilung verhindert Verstehen, und ohne Verstehen werden wir nichts lernen.

Vergebung ist ein Thema, das mich, so lange ich eigentlich denken kann, sehr beschäftigt. Selten fand ich meine Ansichten dazu bei anderen wieder, aber so punktgenau meine Gedanken dazu treffend, wie Thordis Elva es hier schreibt, habe ich es bisher nirgendwo gelesen:

Vergebung ist die einzige Möglichkeit, sage ich mir, denn egal, ob er meine Vergebung verdient hat oder nicht, ich habe es verdient, meinen Frieden zu finden. Denn ich tue das für mich. Es macht mich wütend, wie die Religionen die Vergebung usurpiert und wie die selbst ernannten Hüter der Moral ein scheinheiliges Konzept daraus gemacht haben. Was für eine beschissene Sache, dieses Konzept vom Gewissen. Meine Vergebung ist weder selbstlos noch aufopferungsvoll und erst recht nicht heldenhaft. Sie wird nicht von Engelschören begleitet, und ich halte auch nicht die andere Wange hin. Meine Vergebung ist noch weißglühend vom Schleifstein, und sie dient dazu, die Bindung zu kappen, denn wenn ich das alles ein für alle Mal loslassen kann, wird es mir viel, viel besser gehen, davon bin ich überzeugt. Reiner Selbsterhaltungstrieb.

Das folgende Zitat lasse ich mir vielleicht mal auf den Unterarm tätowieren 😉

Verleugnung ist ein grausamer Lehrmeister.

Wir neigen dazu, Menschen mit Etiketten zu versehen, „Täter“ oder „Opfer“ in großen Lettern auf ihre Stirn zu brennen. Für immer. In alle Ewigkeit. Das wird aber weder der Sache noch den Menschen gerecht. Und hilfreich ist es schon gar nicht.

Damit die Menschen diese Art von Missbrauch besser verstehen können, brauchen sie ein dreidimensionales Bild der Täter und nicht das der zweidimensionalen stereotypen »Monster«, die durch diese Überhöhung auf ein Podest gehoben werden, dass man das eigentliche Verbrechen darüber fast aus den Augen verliert. Das würde eine Welle lostreten und würde unendliche viele Möglichkeiten eröffnen. Es könnte ums Gesamtbild gehen. […]

Aber genau deshalb ist es so wichtig, ein Zeichen zu setzen. Der Welt zu zeigen, dass Menschen, die an beiden Enden der Skala sexueller Gewalt waren, ob nun als Täter oder als Opfer, keine seelenlosen Ungeheuer oder irgendwie beschädigt sind. Sie sind Menschen, nicht perfekt, nicht unfehlbar, aber unverkennbar menschliche Wesen wie du und ich, mit eigenen Gedanken, einem Beruf, einer Geschichte, einem Lebensstil und ihren eigenen Überzeugungen. Menschen, die ihre Steuern bezahlen und ihre Familien lieben und Fehler machen und Nachbarn sind.

Zum Thema Macht, schön auf den Punkt gebracht:

Der Drang, Macht über jemanden auszuüben, ist Ausdruck von Angst, Gier und Eigennutz. Er erwächst aus der Angst vor dem, was du nicht weißt und nicht kontrollieren kannst, und basiert auf Unsicherheit, die dich blind macht.

Das passt doch auch wunderschön zum Thema Religionen, oder? 😉

Und noch etwas zur Gewalt:

Gewalt entsteht nicht in einem Vakuum. Sie hat soziale Gründe und Folgen, die wir in unsere Gespräche einbeziehen müssen. Verschweigen ist Teil des Problems.

Das Folgende ist auch so eine Stelle, wo ich aus tiefstem Inneren zustimmen kann:

Scham ist ein Gefühl, das keine Früchte trägt. Sie ist eine Brutstätte für Zerstörung, lässt einen verstummen und behindert das emotionale Wachstum. Wut ist ein aktives Gefühl, das sogar konstruktiv sein kann, wenn es als Ventil dient. Scham kann das nicht. Falls du Scham empfindest, musst du da anfangen, an dir zu arbeiten, und das Krebsgeschwür entfernen.

Ich nenne es lieber Zorn statt Wut. Nun gut.

Bevor ich jetzt doch noch in Gefahr gerate, das ganze Buch zu zitieren 😉 , zum Abschluss ein Zitat, das mich in meinen dunkelsten Zeiten, in denen ich mich am liebsten in den dunkelsten Ecken rum trieb und mich nur bei all den Freaks wirklich zu Hause und geborgen fühlte, gut beschreibt.

Lang, lang ist’s her. In dieser Zeit habe ich mindestens so viel, wenn nicht viel mehr über Menschen und auch mich erfahren, als im Psychologiestudium 😉 Und immer noch sind es die Freaks, denen ich mich verbunden fühle, zu denen ich mich auch – immer noch – zähle. Auch wenn die Qualität heute eine andere ist, das damalige Feeling ist nicht wirklich verschwunden, auch wenn ich mit Vielem von damals glücklicherweise längst abgeschlossen habe.

Nach und nach bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich ein Freak bin und nirgendwo hinpasse. Also habe ich angefangen, nach anderen Sonderlingen Ausschau zu halten, nach Typen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Außenseiter waren – Drogenabhängige oder sonst wie labile Gestalten. Ich hatte gehofft, dass ich in ihrer Gesellschaft das Gefühl hätte, irgendwohin zu gehören und auch irgendwie ›normal‹ zu sein.

Und warum steht da oben jetzt als Titel „Kopfüberbaum“? Weil dieser, der Baobab, im Buch eine wichtige Rolle spielt.

Bei Wikipedia steht zu ihm:

Nach einer in Afrika weit verbreiteten Vorstellung riss der Teufel den Baum aus und steckte ihn anschließend mit den Zweigen zuerst in den Boden, so dass die Wurzeln nun in die Luft ragen. Einer anderen Erzählung zufolge wollte der Baum bei seiner Entstehung schöner als alle anderen Bäume werden. Als ihm dies jedoch nicht gelang, steckte er seinen Kopf in die Erde und das Wurzelwerk ragte gegen den Himmel. Aus dem Reich der Schöpfungsmythologie erschließt sich uns eine weitere Erklärung: Als am Anbeginn der Welt die Hyäne beim ersten Blick ins spiegelnde Wasser ihre eigene Hässlichkeit erkannte, war sie darüber sehr erzürnt. Sie riss einen Baobab aus und schleuderte ihn gen Himmel, um ihren Schöpfer zu treffen, der ihr dies angetan hatte. Der Baum jedoch verfehlte sein Ziel, stürzte zurück zur Erde, blieb dort umgekehrt im Boden stecken und wächst seither mit den Wurzeln nach oben.

Als Sitz von Göttern und Geistern spielt er außerdem in einer Reihe weiterer afrikanischer Legenden und Sagen eine Rolle.

[…] Orte mit „heiligen“ Baobabs werden oftmals als Sinnbild des Garten Eden verwendet.

Das gefällt mir ungemein! 😉 Ich muss mal gucken, ob ich mir einen Kopfüberbaum als Bonsai ziehen kann 😉

Wer mehr wissen will, muss das Buch lesen, ich kann ja nicht alles verraten 😉

Last but not least nun: Von welchem Buch spricht die eigentlich? 😉 Dem hier:

Eine Frau, ein Mann, eine Vergewaltigung – und der schwierige Weg von Gewalt zu Versöhnung: Erstmals schreiben ein Vergewaltigungs-Opfer und ein Täter gemeinsam ihre Geschichte auf. Ein tief berührendes Memoir ist entstanden über Schuld, Vertrauen und Vergebung.

Thordis Elva, Tom Stranger: „South of Forgiveness“

Oder auf Deutsch: „Ich will dir in die Augen sehen“ (Wieder mal ist der englische Originaltitel um Längen schöner … )

Bei TED gibt es einen knapp zwanzig minütigen Vortrag von Thordis Elva und Tom Stranger: >> Klick<<

Er schließt mit den Worten:

Der Großteil sexueller Gewalt gegen Frauen und Männer wird von Männern verursacht. Und dennoch sind ihre Meinungen zu diesem Thema viel zu schwach vertreten. Es werden hierbei jedoch alle benötigt. Denken Sie nur an all das Leid, das wir lindern könnten, wenn wir uns trauen würden, dem Problem gemeinsam gegenüberzutreten.

So ist es.

Beiden Autoren gebührt großes Lob, beide beweisen großen Mut und viel Stärke. Ein solch tiefer Einblick auch in das Innere eines Menschen, der einen anderen vergewaltigt hat, ist sicher bisher eine Rarität, bleibt es aber hoffentlich nicht.