Vor nunmehr über einem Vierteljahrhundert (hach wie das klingt! ;-) ) entdeckte ich diesen Text, der seit dem zu so etwas wie meinem Lebensmotto oder auch meiner “Gebrauchsanweisung” für den Umgang mit dieser Welt wurde:
Der Sohn des Kesa aus Kalamo kam einmal zum Buddha und klagte: “Meister, jeder Priester und Mönch erhebt mir gegenüber seinen Glauben zum einzig wahren und verurteilt den Glauben der anderen als falsch. Zweifel quälen mich, weil ich nicht weiß, welchen Worten ich folgen soll.”
Der Buddha erwiderte: “Deine Zweifel sind gerechtfertigt, Sohn des Kesa. Höre meinen Rat: Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Überlieferungen, bloß, weil sie alt und durch viele Generationen gegangen sind; glaube nichts aufgrund von Gerechten oder weil viel darüber geredet wird; glaube nichts, bloß, weil es ein alter Weiser bezeugt; glaube nie etwas, weil Vermutungen oder langjährige Gewohnheit dich verleiten es für wahr zu halten; glaube nichts auf die bloße Autorität deiner Lehrer und Geistlichen hin.
Was jedoch nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft übereinstimmt und zu deinem eigenen Wohle und Heile wie zu dem aller anderen Wesen dient, das nimm als Wahrheit und lebe danach!”
(Anguttara Nikayo)
Dazu passt schön ein Zitat von Max Kruse aus seinem Buch “Die behütete Zeit“:
Ist der Glaube, die von Beweisen unabhängige Gewissheit, nicht vielleicht die gefährlichste aller menschlichen Fähigkeiten …? Denn der Glaube mordet nicht nur, er liefert auch noch die Rechtfertigungen für das Morden und verleiht ihm eine höhere Weihe. Und wenn der Glaube die gefährlichste Eigenschaft ist, so ist der Zweifel die segensreichste, denn der Zweifel tötet nie, er unterdrückt nie, er zündet keine Scheiterhaufen an, er lässt leben, lässt gewähren und duldet.
Gut zu wissen, dass meine ewige Zweifelei auch etwas Gutes hat. ;-)
Ich werde öfter mal gefragt, ob ich Atheistin sei.
Ich nenne mich immer mal wieder vereinfachend selbst so, aber genau genommen bin ich keine Atheistin. Ich bin eigentlich Agnostikerin, ich maße mir kein Urteil darüber an, ob es Gott wirklich gibt oder nicht. Ich halte diese Frage für prinzipiell nicht entscheidbar. Da sie das nicht ist, denke ich, sollten wir auf die Rede von Gott, auf das Berufen auf Gott usw. verzichten, ganz einfach auch, weil dies mehr Unheil als Heil über die Menschen gebracht hat und ja immer noch bringt.
Denn wer sich auf Gott beruft, macht sich unangreifbar, benutzt im Gegensatz zum nicht religiösen Menschen nicht nur Argumente, die in der menschlichen Welt beheimatet sind und daher diskutierbar, abwägbar, kritisierbar etc. sind, sondern nimmt zusätzlich noch Argumente, die ihrem Anspruch nach einer höheren, eben göttlichen Ebene angehören und durch menschliche nicht aufgehoben werden können.
Das ist eine - wohlwollend gesagt ;-) - erschummelte, pseudo-transzendentale Verstärkung dieser religiösen Argumente, die dazu führt, dass der religiöse bzw. religiös argumentierende Mensch (wie auch viele Esos) vorgibt, über den Dingen zu stehen, über höhere Einsichten zu verfügen, und sich damit selbst überhöht und nicht religiöse Menschen übervorteilt und erniedrigt. Das ist wie Poker mit gezinkten Karten… Und genau das verhindert auch IMHO einen fruchtbaren Dialog zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen. Dies und die Argumentation mit dem Jenseits setzt jede rationale, menschliche Argumentation außer Kraft, ist schlussendlich eine nicht hinterfragbare und damit beliebige Argumentation.
Ich bin also genau genommen Agnostikerin, die im täglichen Leben atheistische Standpunkte vertritt und aus o.g. Gründen für ein Leben ohne Gott plädiert. Agnostikerin, die auch öfter mal von einer tiefen Mystik heimgesucht wird (was genetisch bedingt sein mag). ;-)