Boah! Is‘ der dick … Mann!

„Die Deutschen sind die dicksten Europäer“ schlug es einem diese Tage, egal ob Zeitung, Radio, TV etc. entgegen. „Dreiviertel der Deutschen sind übergewichtig“

Ab in die Ecke, schämen, ihr Fresssäcke!

Ich bin von Natur aus neugierig, mein Hirn will immer was zu tun haben (sonst kommt es auf noch dümmere Gedanken, als sowieso schon 😉 ) und ich brauchte eine gute Ausrede, um am PC zu sitzen, statt mit meinen Walkingstöcken Oerlinghausens Wälder unsicher zu machen … und überhaupt, der Akku meines MP3-Players war auch leer … also habe ich etwas Fingersport betrieben und mal gegoogelt.

Schauerliches, was sich da offenbarte! 😉

Die Tabelle, auf der all diese schlimmen Aussagen beruhen, ist diese hier. Nun ist allgemein bekannt, dass sich mit Statistik alles inklusive des Gegenteils beweisen lässt und man keiner Glauben schenken soll, die man nicht selbst gefälscht hat 😉 Aber im Allgemeinen ist die List doch etwas feinfühliger, ja darf man hier überhaupt noch von einer sprechen? Schließlich eröffnet sich einem auf den ersten Blick: Die Daten stammen aus Erhebungen zwischen 1990 und 2006, d.h. 17 Jahre alte Daten quietschvergnügt neben solchen des letzten Jahres. Ja und auch, was das Alter der Menschen, die da gewogen (oder auch nicht) wurden, angeht, gibt es da keine Standardisierung. Dann steht da „self report“, also jemand ruft mich an, sagt, dass er grad eine Umfrage macht und wie viel ich denn, bitteschön, grad wieg? Doch, sehr zuverlässige Daten… 😉 Ja und am Ende der Tabelle steht dann auch ganz brav und deutlich:

Age range and year of data in surveys may differ. With the limited data available, prevalences are not age standardised. Self reported surveys may underestimate true prevalence. Sources and references are available from the International Obesity TaskForce database.

Aah jaa … ja nee, is‘ klar. Wir haben eigentlich nix zu sagen, aber sagen das dann trotzdem mal. Hallo??

Wofür nun der Spaß? Nun, die „International Association for the Study of Obesity“ (kurz: IASO) wollte mit diesem „Gutachten“ (ich setze es mal in “ „, da mir der Begriff Gutachten da doch „etwas“ fehl am Platze ist, Schlechtachten wäre da wohl sinniger) ein bisschen Werbung für diesen Kongress machen.

Mal eine dumme Frage, bekommen die für sowas auch noch Geld? Wer bezahlt die eigentlich? Ich gebe mich mal der – zugegeben schwachen – Hoffnung hin, so etwas wird nicht aus meinem hart verdienten und schweren Herzens abgedrückten Steuerobulus mitfinanziert …

IASO? Wer ist das eigentlich? Ihre Website gibt da eine interessante Auskunft:

IASO Obesity Expert Forum: Founding Members

Abbott Laboratories
F. Hoffman-La Roche Ltd
Merck & Co, Inc
Pfizer
sanofi-aventis

In der FAZ gibt es dazu ein lesenswertes Interview mit dem Lebensmittelchemiker Udo Pollmer (EU.L.E. e.V.): Dicke Menschen leben länger Ein paar Zitate daraus:

[…]

Eine internationale Studie hat gerade herausgefunden, dass die Deutschen das dickste Volk Europas sind. Zwei Drittel aller Erwachsenen sind fettleibig.

Das war keine internationale Studie, das waren zwei Blätter einer Organisation, die nach Angaben des British Medical Journal von der Pharmaindustrie, den Herstellern von Appetitzüglern, gesponsert wird. Die Zahlen sind wertlos, sie stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, sie sind nicht altersstandardisiert und wurden mit unterschiedlichen Methoden erhoben. Die Studie hat nicht einmal Autoren. Aber die Schlagzeilen waren aufsehenerregend.

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer nimmt sie ernst. Er will am Mittwoch einen Aktionsplan zur Fettleibigkeit vorlegen. Was erwartet uns da?

Vermutlich ein Neuaufguss von viel Bewegung, Obst und Gemüse und wenig Fett. Dabei sind die letzten 50 Jahre alle Versuche gescheitert, Menschen durch Kaloriensparen und Sport dauerhaft zu verschlanken. Im Gegenteil: Die Opfer sind meist dicker und kränker geworden.

Woher kommen all die Dicken?

Bis heute sind an die 100 Ursachen für Gewichtszunahmen bekannt – Infektionserreger, die Fettsucht auslösen, genetische Defekte, hormonelle Störungen. Je höher der Druck auf die Dicken, desto dicker werden sie, denn Stress und Kummer führen bei ihnen zu wachsenden Rettungsringen. Der sogenannte Kampf gegen das Übergewicht ist ein kalkulierter Quell, der die Umsätze der Diät- und Gesundheitsbranche sprudeln lässt.

Sie halten das für eine Verschwörung der Diätindustrie?

Eine Verschwörung? Sagen wir es so: Jede erfolgreiche Branche weiß, wie ihr Geschäft läuft. Schaut her, heißt es, ihr seid dick, hässlich und krank. Mit unseren Produkten, Geheimtipps und Dienstleistungen werdet ihr alle wieder schön, jung und fit. Seit Jahrhunderten der gleiche Schmäh.

[…]

Es heißt aber, dass die Dicken eher sterben.

Das liest man ständig, die Datenlage sieht aber anders aus: Bei älteren Personen sind Fettpolster die beste Lebensversicherung, da sie im Krankheitsfalle noch etwas zuzusetzen haben. Die jüngste Metaanalyse, die alle weltweit verfügbaren Studien ausgewertet hat, bestätigte aufs Neue: Übergewichtige leben ab der Lebensmitte im Schnitt länger als Normalgewichtige. Die höchste Sterblichkeit haben nicht die Fetten, sondern die Dürren.

[…]

Ach ja, zum Aktionsplan unserer obersten Gesundheitscheffes noch Folgendes: Ich halte Ernährungskunde als Fach an unseren Schulen, ebenso wie Anreize zu mehr Bewegung, durchaus für eine sinnige Sache. Allerdings habe ich da so meine Zweifel, wie das umgesetzt wird. Mir schweben da so schlimme Sachen wie „gesponsort vom gesunden Müsliriegelhersteller XY“ vor:

Kinderriegel für die berühmte tägliche Portion Milch. Wenn man den täglichen Calziumbedarf eines Kindes wirklich damit decken wollte, müsste es ein gutes Dutzend von diesen Riegeln essen und hätte gleichzeitig über 50 Stück Würfelzucker und ein halbes Paket Butter verspeist. Dieses Produkt wird jedoch mit dem Zeichen des Deutschen Olympischen Sportbundes beworben, und man kann eine Trainingshose gewinnen.

Quelle: Frankfurter Rundschau: Foodwatch-Chef Thilo Bode – „Keine Cola-Automaten in Schulen

Dazu auch aus selbiger Quelle: Kampagne – Deutsche sollen abspecken

Guckt euch auch mal dies hier an: Foodwatch – Dicke Werbelügen und ein magerer Aktionsplan

Und das: „Regierung ist Erfüllungsgehilfe der Industrie

So, erst mal genug Linkstoff, oder? Und? Beschleicht euch jetzt auch so ein „Nachtigall, ich hör dir trappsen“-Feeling?

Leutz, lasst euch nicht verar… ähm…äppeln! 😉 Die wollen nur unser Bestes … richtig … unser hart verdientes Geld.