Nur Veganer können Humanisten sein?

[Update vom 5.11.17 – Siehe >>hier<<]

Mich erreichte dieser Tage folgende Mail über die Webseite der Regionalgruppe Ostwestfalen-Lippe der Giordano-Bruno-Stiftung, die ich betreue:

Sehr geehrte Frau Wend,
ich hatte vor, mich mal bei der OWL Regionalgruppe der gbs zu melden, weil ich gerne mit Menschen in Kontakt treten möchte, die wie ich Agnostiker sind. Durch Zufall sah ich dann gerade einen Facebook Auftritt zum Thema Fleisch, den Sie wohl auch betreuen. Wie schockierend. Wie kann man einerseits Humanismus predigen und dann gleichzeitig ein so entwürdigendes Foto eines geschlachteten Schweins präsentieren. Hört Aufklärung und Mitgefühl da bei Ihnen auf? Das Elend und die Qual in der heutigen Massentierhaltung müssen Ihnen doch bekannt sein (sonst biete ich Ihnen da gern mehr Infos zu an). Humanismus unbedingt – aber ohne Herz – niemals.
Mit enttäuschten Grüßen

Es ist wohl diese Facebookseite gemeint, die ich in der Tat betreue:

Facebook-Seite Fleisch macht glücklich
Ich möchte darauf mal hier öffentlich antworten:

Hallo Frau S.,

vielen Dank für Ihre Mail.

Entwürdigend? Ein garnierter Kopf eines Schweins ist entwürdigend? Schneide ich z.B. die Schweinebacke heraus und garniere sie, ist das dann nicht mehr entwürdigend? Weil man nicht mehr sieht, dass es mal ein Schweinekopf war?

Wie erkennen Sie anhand dieses Bildes, dass das Schwein das „Elend und die Qual in der heutigen Massentierhaltung“ erlebt hat?

Humanismus mit Herz ist, Fleisch so zu präsentieren, dass man nicht mehr sieht, dass es von einem Tier stammt bzw. nicht mehr sieht, welcher Teil des Tieres es ist? Oder geht gar Humanismus mit Herz nur vegan?

Fragen über Fragen.

Im Großen und Ganzen verstehe ich Sie so: „Frau Wend, Sie sind ein herzloser, entwürdigender Mensch (überhaupt noch Mensch?), weil Sie nicht vertuschen, dass Fleisch von Tieren stammt und überhaupt, weil Sie Fleisch essen. Sie können niemals Humanistin sein. Mit Ihnen will ich nichts zu tun haben! Außer vielleicht, sie bekehren sich sofort zum Veganismus und schwören aller Fleischeslust ab! Amen!“ Achso, nein, ohne Amen natürlich.

Richtig?

Frau S., denken Sie, sie verhalten sich humanistisch? Ist es humanistisch und überhaupt nicht herzlos, einen Menschen nach einem Bild auf einer Facebookseite, in deren Impressum er steht, zu beurteilen? Nicht nur ihn, gleich eine ganze Regionalgruppe, deren andere Mitglieder man gar nicht kennt? Ist es humanistisch und voll herzvoll, ihm gleich auch zu attestieren, dass er das „Elend und die Qual in der heutigen Massentierhaltung“ unterstützt, ja auch, dass er anscheinend keine Ahnung hat, was er da tut oder noch schlimmer, doch hat? Entweder dumm oder grausam? Ist es humanistisch, jemand, mit diesen doch eher spärlichen Infos, unaufgeklärt zu nennen und ihm das Mitgefühl abzusprechen?

Ist das der einzig wahre Humanismus [TM]?

Dann sollte ich Ihnen wohl besser nicht erzählen, dass ich unhumanistisches Monster auch noch Jägerin bin. Und wie vielen Hausschlachtungen ich schon beiwohnte, wie viel Blut ich schon soff 😉 und zu leckerer Blutwurst abschmeckte. Und… Lassen wir das. Ich denke, um mein Dexter-Image aufzuhübschen, muss ich nichts mehr tun 😉

Wissen Sie, wofür der Schweinekopf da oben für mich steht? Für das Nose-To-Tail-Konzept, das ich befürworte, also dafür, ein Schlachttier restlos zu verwerten. Eben aus Respekt vor dem Tier. Sie merken vielleicht schon, unsere Auffassungen von Würde und Respekt differieren doch ziemlich.

Ach, ich könnte jetzt noch so viel schreiben. Z.B., dass die gbs keineswegs Veganismus zur Voraussetzung für einen humanistischen Lebenswandel erklärt. Zumindest wohl nicht, so lange ein Udo Pollmer dort im Beirat sitzt 😉

Oder dass es in Deutschland gar keine „Massentierhaltung“ gibt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) definiert „Massentierhaltung“ (intensive Tierhaltung) nämlich als Besatzdichte, die 10 Großvieheinheiten (GV) pro Hektar (ha) übersteigt. In Deutschland kommen selbst die intensivsten Gebiete nicht über 2,95 GV pro ha, die meisten Regionen nicht mal über 1 GV pro ha. Deutschland ist also sehr weit entfernt von „Massentierhaltung“.

Ich könnte auch anmerken, dass die Menge der Tiere, die gehalten werden, grundsätzlich erst mal gar nichts damit zu tun hat, wie gut diese Tiere gehalten werden. Ein Beispiel dafür ist der Aktivstall für Schweine.

Oder dass es den Nutztieren heute deutlich besser geht als noch vor 50 Jahren. Die Ställe heute tiergerechter sind usw. usf. Natürlich kann man immer noch mehr machen. Dazu wird auch gar nicht mal wenig geforscht und die Ergebnisse fließen dann in Stallum- und Neubauten ein. Das ist natürlich immer auch eine wirtschaftliche Frage, auch eine gesetzliche, oft hindern Bau-/Emissionsverordnungen daran, Ställe umzubauen usw. usf.

Oder dass einzelne Missstände (natürlich gibt es auch unter Landwirten, wie in jeder Berufsgruppe, schwarze Schafe), die von Medien, NGOs etc. hervorgehoben werden, nicht, wie dann leicht der Eindruck erweckt wird, die Regel, sondern die Ausnahme sind. Dass die allermeisten Landwirte ihr Möglichstes tun, das Beste für ihre Tiere rauszuholen. Das sind nämlich auch Menschen. Mit Empathie und Gewissen. Oder möchten Sie das ihnen absprechen?

Oder dass unsere Nutztiere es sicher nicht schlechter als ihre wild lebenden Verwandten haben. Deren Leben beinhaltet nämlich Hunger- und Durst-Perioden, Krankheiten, Verletzungen, Parasiten, keinerlei medizinische Betreuung, Kälte & Hitze, Rangkämpfe (mit schweren, nicht selten tödlichen Verletzungen) und ständige Bedrohung durch Raubtiere sowie einen meist langen Kampf und entsprechend qualvollen Tod.

Oder dass der immer mehr um sich greifende Anthropomorphismus kein Tierwohl fördert – ganz im Gegenteil.

Oder dass ich mich sehr für Tierschutz einsetze, sowohl bei Wild- wie bei Haus- und Nutztieren.

Oder dass es meiner Meinung nach keineswegs unethisch ist, Tiere zu töten und zu nutzen und dass ich damit auch unter Ethikern nicht so ganz allein stehe 😉

Oder oder oder … Die Liste ist noch lang. Aber im Ernst, lohnt es die Lebenszeit, die ich hier vertippe? Ändert es irgendwas? Eher nicht, oder?

Also wechsel ich jetzt zu Mettbrötchen und Bier. Und bin glücklich, mich an so etwas Feinem laben zu können. Und bin sehr dankbar dafür. Auch dem Schwein. Denn reichlich hochwertige Nahrung sein eigen nennen zu dürfen, mag uns hierzulande selbstverständlich erscheinen, ist es aber nicht.

Mit freundlichen Grüßen – immer noch freundlich und leider auch schon lange nicht mehr verwundert,

Claudia Wend

P.S. Die Facebook-Seite entstand übrigens tief nachts, nach einer eher unerfreulichen Diskussion, die mit den Worten begann: „Lies mal „Kein Fleisch macht glücklich“! Damit du dich mal ethisch weiter entwickelst und endlich vegan wirst!“ Als ich damals freundlich und ganz sachlich anmerkte, dass ich das anders sehe, kam ich nicht mal bis zum „weil…“, schon schlugen mir die „Mörder!!!“-Rufe entgegen und wurden Schweineställe mit KZs verglichen. Nach meiner Anmerkung, dass das gegenüber allen Menschen, die in diesen KZs gelitten haben, gar ermordet wurden, nicht „nett“ ist, wurden die Bezeichnungen für mich … sagen wir mal ganz freundlich: noch rustikaler 😉

 


 

Update vom 5.11.17 – Frau S. hat geantwortet. Ich auch, ein Auszug:

Sehr geehrte Frau Wend,

da haben Sie sich wirklich viel Mühe gemacht bei der Beantwortung meiner E-Mail.

Danke. Ich gebe mir meist viel Mühe mit meinen Mitmenschen, auch das gehört für mich zum gelebten Humanismus.

Sicherlich haben Sie Recht, dass ich nicht erkennen konnte, ob dieses getötete Tier nun nach einem Leben in der Massentierhaltung oder als glückliches Wiesenschwein auf diesem garnierten Teller endete, aber ich muss Ihnen gestehen, dass es mir beim Lesen Ihrer Sätze einfach nur kalt den Rücken runterläuft. Da wird einfach klar, dass Sie in einer so ganz anderen (Gefühls-?) Welt leben als ich.

Ja, kalt den Rücken runter lief es mir angesichts ihrer Zeilen auch. Soviel Selbstgerechtigkeit liest man zwar immer mal wieder, aber es fällt mir trotzdem schwer, mich daran zu gewöhnen. Vorsicht, um so höher das Pferd, auf das man steigt, um so tiefer kann man fallen 😉

Auf die einzelnen Punkte, die Sie anführen, möchte ich gar nicht eingehen, da wir uns nur im Kreise drehen würden. Ich habe aber verstanden, dass Sie gern töten und es auch genießen, das Fleisch der getöteten Wesen zu verzehren, oder das frische Blut für die Wurst abzuschmecken.

Kurz: Sie möchten nicht inhaltlich argumentieren, Sie möchten sich weiter ad hominem üben. Interessant, wie sie Humanismus auslegen 😉

Nein, Sie haben gar nichts verstanden. Ich töte nicht gern, ich kenne auch niemand, der das tut. Ich habe aber, im Gegensatz zu ihnen, nicht jeglichen Bezug zur Natur und insbesondere auch ihrer Zusammenhänge verloren.

Und bei mir ist es genau anders herum: Ich sehe meine Aufgabe als Mensch darin, so wenig Leid, Angst und Schmerz bei Mensch und Tier zu verursachen, wie möglich.

Genau das tue ich auch.

Des Weiteren glaube ich, dass es meine Pflicht ist, den Kreislauf von  Töten und getötet Werden zu durchbrechen. Als einzige Spezies, die über Ratio verfügt, kann ich nämlich entscheiden, ob ich töten will oder nicht. Ich entscheide mich für „leben lassen“.

Leben lebt vom Töten. Kein Lebewesen, auch Sie nicht, kann existieren, ohne andere Lebewesen zu töten. Auch nicht, ohne anderen Lebewesen den Lebensraum streitig zu machen, weg zu nehmen.

Es gibt auch kein Leben ohne Leid. Das Leiden beenden, bedeutet schlussendlich, das Leben beenden.

Ihre Entscheidung für „leben lassen“ ist eine Entscheidung für „andere töten lassen“. Sollen doch andere tun, wofür Sie sich zu „fein“ sind.

Z.B. die Natur. Die regelt das bei Raubtieren über Krankheit und (Ver)Hunger(n) und bei den anderen über Raubtiere (gefressen werden), Krankheit und (Ver)Hunger(n).

Oder der Landwirt: Der produziert auch ihr Essen, in dem er Tiere dafür nutzt. Denn ohne Dünger, ohne Kreislaufwirtschaft, wächst nichts dauerhaft und nachhaltig. Ebenso wenig ohne das Töten von Mäusen, Ratten und anderen Tieren, die Ihnen ihr Essen streitig machen. Bio-vegane Landwirtschaft ist Raubbau an der Natur, am Boden. Vegane Landwirtschaft ist nicht mal in der Lage, das knappe Prozent Veganer hierzulande zu ernähren, geschweige dann bald 10 Milliarden Menschen.

Oder dem Wissenschaftler. Möchten Sie z.B. auf die Errungenschaften der modernen Medizin verzichten? Möchten Sie auch andere Menschen dazu zwingen, darauf zu verzichten, sie zumindest unethisch nennen, wenn Sie es nicht tun? Kein Insulin mehr, keine Impfseren, keine Krebsforschung, Genforschung etc. pp.? Zurück ins medizinische Mittelalter? Nur noch Placebos wie Homöopathika? Ist das Humanismus, wie Sie ihn verstehen?

Oder der Jäger. Der regelt das über das Abschießen. Aus meiner Sicht der deutlich weniger leidvolle Weg. (Er unterstützt und schützt die Wildtiere auch durch Hege, Naturschutz, Wildäcker & Co.)

Möchten Sie mal sehen, wie das läuft, wenn man nicht mehr jagt und die Natur allein das regeln lässt? In einem sehr begrenzten Lebensraum wie überall hier in dicht besiedelten Gebieten (schlussendlich ist unser ganzer Planet ein solch begrenzter Lebensraum)? Dann schauen sie sich mal dieses Video an:

Und lesen Sie mal hier: Fragwürdiges Experiment in den Niederlanden und seine Folgen: „Das Leid der Tiere ist immer noch besser als die Jagd“

Was meinen Sie, hätten die Tiere dort vorgezogen? Einen schnellen Tod durch den Schuss eines Jägers? Raubtiere? Das langsame Verhungern über Wochen und Monate? Was hätte weniger Leid bei den Tieren und weniger Schaden bei der restlichen Natur verursacht? Wer hat/hätte hier für weniger Leid und Schaden gesorgt? „Tierrechtler“ oder Jäger?

So unterschiedlich sind wir Menschen nun mal. Mir ist ja natürlich bewusst, dass es Menschen wie Sie gibt, die eben diese Einstellung gegenüber unseren schwächeren Mitgeschöpfen haben – das ist nicht Neues.

„Schwächere Mitgeschöpfe“? Eine Schöpfung bedingt einen Schöpfer. Für den wurde allerdings bisher, trotz jahrtausendelanger Suche, noch kein Beleg gefunden. Für die Evolution hingegen schon viele. Und der ist Leid ziemlich egal. Da zählt nur: Möglichst viele Nachkommen zeugen, damit der Pool an Genen und Mutationen möglichst groß ist, aus dem dann insbesondere auch über Leid & Tod, der Bestangepasste ausgesiebt wird.

Und das ist auch der einzige Zweck des Lebens, wenn es nach Natur und Evolution geht: Nachkommen produzieren und als Nahrung für andere dienen. Da sind wir nicht von ausgenommen. Sobald wir unsere Zivilisation verlassen, sind wir da draußen Räuber und Gejagte. Willkommene Beute aller Raubtiere, die uns habhaft werden können.

Wir haben uns diesem Kreislauf mit unserer Zivilisation ein Stück weit entzogen (oder besser, glauben, könnten das). Mit allen, auch allen negativen Konsequenzen. Wir sind die einzige Spezies, die über Nachhaltigkeit nachdenkt, die sich Gedanken macht, wie ein ethischer Umgang mit Mitgliedern anderer Spezies zu gestalten ist. Natürlich insbesondere auch aus Eigennutz. Allerdings braucht es dafür Verständnis der Natur, deren Teil wir sind und bleiben, egal, wie viel Zivilisation wir dagegen setzen, und insbesondere eben Verständnis der Zusammenhänge.

Da machen sich sehr viele Menschen Gedanken drüber, insbesondere auch Landwirte, Jäger & Co., viele kommen zu anderen Ergebnissen als z.B. Sie. Das heißt aber nicht, dass diese automatisch falsch liegen.

Bambi-Syndrom / Anthropomorphismus ist kein Tierschutz, auch keine Tierliebe. Es ist das pure Gegenteil, purer Egoismus auch. Ebenso wenig ist es Humanismus, einfach den anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben und sie dann noch mal eben so zu blutrünstigen Monstern zu erklären. Das alles verursacht jede Menge völlig überflüssiges Leid, bei Tieren und Menschen.

Schockiert hat mich aber wohl ganz extrem, dass jemand wie Sie sich offiziell für humanistische Werte engagiert und in diesem Fall meine Ansprechpartnerin bei der gbs gewesen wäre.

Ja, was glauben Sie, was mich schockiert, dass jemand wie sie vorgibt, humanistische Werte zu vertreten?

Sicher muss man nicht unbedingt Veganer sein, um sich auch Humanist nennen zu können. Aber finden Sie es wirklich passend, in welch verhöhnender Art und Weise (Bilder von Kälbchen mit ironischem Kommentar, dumme Sprüche zu Dackel und Kochtopf, etc.) Sie Ihre Fleischseite betreiben?

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass das, was Sie „verhöhnend“ sehen, andere ganz anders sehen? Dass Sie nicht das Maß aller Dinge sind? Dass es noch einen anderen Blick auf diese Welt gibt als den Ihren? Dass auch ich über mein Handeln nachdenke, dies auf eine ethische Basis stütze usw.? Dass Ihre Auffassung von Ethik und auch Humanismus nicht die einzige, schon gar nicht die einzig berechtigte, gar „wahre“ ist?

Für Ihren Mitstreiter Herrn Pollmann wären meine Mails ein gefundenes Fressen – er ist so voller Hass auf alle Menschen, die sich für eine ethisch korrekte Behandlung von Tieren einsetzen, seine TV Auftritte dazu sind legendär.

Ich habe bei Herrn Pollmer noch keinen „Hass auf alle Menschen“ beobachtet. Mit die größten und abstoßendsten Menschenhasser sind mir bisher in veganen Foren und Gruppen, unter Veganern und „Tierrechtlern“ begegnet. […]

P.S. Ein paar Lesetipps:

Lierre Keith: Ethisch Essen mit Fleisch: Eine Streitschrift über nachhaltige und ethische Ernährung mit Fleisch und die Missverständnisse und Risiken einer streng vegetarischen und veganen Lebensweise (ISBN:
3927372870)

Ulrike Weiler: Fleisch essen?: Eine Aufklärung (ISBN: 386489123X)

Florian Asche: Tiere essen dürfen: Ethik für Fleischfresser (ISBN: 3788817178)